Wolbecker Straße – Münsters gefährlichster Radweg

An der Wolbecker Straße im Zentrum von Münster befindet sich vermutlich einer der unfallträchtigsten Fahrradwege im Bundesgebiet. Nahezu alle zwei Wochen kommt es hier zu einem Unfall mit Radfahrerbeteiligung. Doch die Stadtverwaltung hält an der Benutzungspflicht der gefährlichen Piste fest. Die Geschichte einer Klage.

Ausfallstraßen sind in vielen deutschen Städten trostlose, graue Asphaltwüsten, an denen sich Euroshops, Billigbäcker und Matratzenhändler mit halbverfallenem Leerstand ehemaliger Eckkneipen ein trübes Stelldichein geben. Die Balkone der Wohnhäuser wenden sich lieber den rückwärtigen Höfen und Gärten zu und überlassen den verputzten Fassaden der Treppenhäuser sowie den Milchglasscheiben der Badezimmer den Staub und Gestank des dichten Stadtverkehrs.

Einige der Ausfallstraßen Münsters sind anders. In Hammer, Warendorfer und Wolbecker Straße sowie dem südlichen, zum Hafen gelegenen Teil des Innenstadtrings bieten zwischen den auch hier unvermeidlichen Euroshops und Billigbäckern anderswo längst ausgestorbene Fachhändler ausgesuchte Waren an. Cafés und Kebapläden laden zum Verweilen ein, die Studenten haben die Eckkneipen gentrifiziert und die Frisöre freuen sich über gut besetzte Wartesessel.

Gleichzeitig läßt sich das Verkehrsdilemma, in dem die Stadt Münster steckt, nirgends besser beobachten, als an diesen Straßen. Pulkweise schiebt sich bei guter Witterung der Radverkehr zwischen parkenden Fahrzeugen und Gehweg auf viel zu schmalen Radwegen Richtung Innenstadt. Auf Wolbecker Straße und Hammer Straße sind zur Spitzenstunde um die 1.000 Radfahrer unterwegs – genaue Zahlen fehlen, Meßstellen will die Stadt Münster erst einrichten. Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern bleiben so nicht aus: Der Blutzoll dieser Wege ist beachtlich. Wie Perlen an einer Schnur reihen sich auf der Unfallsteckkarte der Polizei die Unfallstellen aneinander.

Radweg Wolbecker Straße

Wolbecker Straße: An der Bushaltestelle der Stadtwerke wird es eng

Besonders an der Wolbecker Straße ist die Situation eigentlich völlig unzumutbar: Die Radwege zu schmal, fehlender Sicherheitsabstand zu Parkplätzen, Gehwege, auf denen sich keine zwei erwachsene Menschen begegnen können. Die Fahrbahn ist dagen oft frei und ohne wirkliche Gefährdungssituation für den Radverkehr. Außerhalb des Rings verschiebt sich die Gefahrensituation auf dem Radweg etwas, weil es weniger Geschäfte und weniger Parkplätze gibt. Dafür gibt es mehrere ampelgesteuerte Kreuzungen, an denen die rechtsabbiegenden Kraftfahrzeuge gleichzeitig mit den Radfahrern grün bekommen. Innerhalb eines halben Jahres im Herbst/Winter 2014/2015 forderte dieser brandgefährliche Irrsinn der Straßenverkehrsbehörde gleich zwei Todesopfer.

Wolbecker Straße: Irrsinn mit Tradition

Dabei sind die Gefahren der Radverkehrsanlagen an der Wolbecker Straße seit über zwanzig Jahren bekannt. Nachdem die Berliner Polizei Mitte der 1980er-Jahre erste Indizien dafür gefunden hatte, dass Radverkehrsanlagen im Seitenraum mit erheblichen Sicherheitsrisiken behaftet sind, begann die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), den Dingen näher auf den Grund zu gehen. Geforscht wurde seinerzeit neben anderen Städten auch in Münster: An Hammer, Warendorfer und – nicht zuletzt – an der Wolbecker Straße. Die münsterschen Straßen lieferten dabei wichtige Erkenntnisse für die Zukunft, denn bereits Anfang der 1990er-Jahre war Münster als Fahrradstadt bekannt und konnte mit Radverkehrsstärken aufwarten, die andere Städte nicht ansatzweise erreichten. Hammer, Warendorfer und Wolbecker Straße wiesen mit Abstand die höchsten Radverkehrsbelastungen im damaligen Untersuchungskollektiv auf – die Radverkehrsanlagen hatten bereits damals ihre Belastungsgrenzen weit überschritten. Dementsprechend alarmierend lesen sich die Untersuchungsergebnisse:

„Einzelne Fallbeispiele mit stark befahrene Radwegen weisen hohe Unfallbelastungen im Längsverkehr zwischen Radfahrern auf. Es wird deutlich, daß bei hohen Radverkehrsbelastungen Radwegbreiten von etwa 1,50 m bei weitem nicht ausreichend sind, um konfliktarme Radverkehrsabläufe zu ermöglichen[1]

und etwas später weiter:

„Durch eine entsprechende Breitendimensionierung der Straßenseitenräume ist sicherzustellen, daß die Fußgängerverkehre weitgehend unbeeinträchtigt von den weiteren Nutzungen – so auch vom Radverkehr – abgewickelt werden können […]

Ist es wegen einer begrenzten Flächenverfügbarkeit nicht möglich, dem vorgenannten Anforderungsspektrum Rechnung zu tragen, so ist der Radverkehr auf der Fahrbahn im Mischverkehr oder – falls die Notwendigkeit zur Separation gegeben ist – auf Radfahrstreifen zu führen.[2]

Die Studie der BASt verfehlte ihre Wirkung nicht. Neben einigen anderen Untersuchungen entfaltete sie Wirkung bis nach Bonn: Noch galt die alte, allgemeine Radwegebenutzungspflicht. Doch der Bundesrat erkannte den verordnungsgeberischen Handlungsbedarf und tilgte die entsprechende Vorschrift. Seit 1997 darf eine Radwegebenutzungspflicht nur noch im Ausnahmefall angeordnet werden – und auch nur dann, wenn es eine besondere Gefahrensituation auf der Fahrbahn gibt und gleichzeitig die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern auf den Anlagen im Seitenraum gewährleistet ist.

Die Straßenverkehrsbehörden in der Bundesrepublik reagierten verhalten – wenn überhaupt. Während einige wenige Kommunen sich vorbildlich verhielten und in ihren Planungen und Beständen auf Radverkehrsführungen auf der Fahrbahn umschwenkten, gab es auch einige Totalverweigerer. In Städten, die wenig Erfarung mit Radverkehr haben, ist diese Skepsis durchaus nachvollziehbar. Aber ausgerechnet die Verwaltung einer Stadt in Westfalen, die sich bereits damals selbst dauerlobhudelte, in Sachen Radverkehr das neue Jerusalem zu sein, stellte vollkommen auf stur. Eine Pressemitteilung der Stadtverwaltung aus jener Zeit offenbart ein eklatantes Maß an Selbstüberschätzung der damaligen Verantwortlichen:

„Die Stadt trägt damit dem Umstand Rechnung, daß sie in den zurückliegenden Jahrzehnten ein weitgehend vorbildliches Radwegenetz geschaffen hat, das Radfahrern einen hohen Sicherheitsstandard bietet.“

Nur vier Jahre zuvor hatte die Studie der BASt genau das Gegenteil dieser Behauptung einwandfrei nachgewiesen.

Der lange Weg zur Klage

Als ich im Herbst 2011 damit beginne, mich mit dem Thema Radverkehrssicherheit auseinanderzusetzen, geht es zunächst um Fahrradhelme. Zwar finden sich auf den einschlägigen Webseiten und Blogs auch immer wieder Hinweise auf schlechte Radwege, doch am Anfang dieser Recherche bin ich selbst noch jemand, der auf das Marketing der Stadt Münster hereingefallen ist. Aber als ich merke, dass mich das Thema nicht losläßt, beginne ich genauer hinzusehen. Ich besorge mir die entsprechenden Baurichtlinen und wälze die jurisitschen Fachkommentare. Münster ist schließlich Universitätsstadt und ich habe ein paar Semester Jura studiert – ich weiß, wie und wo man an die nötigen Informationen kommt.

Die Recherchen öffnen mir die Augen: Münsters Radverkehrsanlagen sind klassische „pontemkinsche Dörfer“ – auf den ersten Blick gepflegte und gut in Stand gehaltene Verkehrswege. Aber allenfalls wenige Meter am Stück erfüllen die gesetzlichen Auflagen und Mindestmaße. Das meiste ist: Zu schmal, zu schlecht abgesichert, zu dicht an den Fußgängern und viel zu weit aus dem Blickfeld des Kraftverkehrs. Mir ist schnell bewußt, dass sich 35 Prozent Radverkehrsanteil in der Innenstadt nicht auf gerade mal anderthalb Metern im Seitenraum der Fahrbahn abwickeln lassen. Hinzu kommt: In meiner Heimatstadt Emden, aus der ich vor vielen Jahren zum Studium nach Münster gekommen bin, sind zumindest im direkten Innenstadtbereich Fahrradwege auf dem Bürgersteig vollkommen unüblich: Gefahren wird dort meistens auf Fahrradstreifen auf der Fahrbahn, obwohl die Stadt Industriestandort mit Volkswagenwerk und Seehafen ist und dementsprechend eine für ihre geringe Größe beachtliche Rush-Hour aufweist.

Ich begann, erste, noch halbwegs freundlich formulierte Mails an die zuständige Behörde zu richten: Das Ordnungsamt Münster ist als Straßenverkehrsbehörde für das Aufstellen von Verkehrszeichen in dieser Stadt zuständig. Verkehrsplanung wurde und wird zunächst auf deren Schreibtischen durchgeführt. Die Antworten waren ernüchternd: Trotz zum Teil massiver Unfallbelastungen hielt die Behörde rechtswidrig auf Biegen und Brechen an den Benutzungspflichten fest. Selbst bei den Radwegen an Hüffer- und Bremer Straße kannte die Behörde keine Gnade, obwohl die Wege an beiden Straßen so schmal sind, dass kein normaler Radfahrer dort das Gehwegverbot einhalten kann – womit die Benutzungspflichten höchstwahrscheinlich nichtig sind.

Auch eine Fachaufsichtsbeschwerde an die Bezirksregierung Münster brachte keine Besserung. Darin hatte ich zahlreich Radwege in Münster bemängelt. Nur an der Himmelreichallee scheint die Behörde nicht einen einzigen Strohhalm gefunden zu haben, zu dem man hätte greifen können, um die Benutzungspflicht zu retten. Die Himmelreichallee kann seit einiger Zeit von Radfahrern auf der Fahrbahn befahren werden. Benutzungspflichten an der Piusallee und dem Bohlweg wurden hingegen mit der hochkomplexen Ampelschaltung der im Stadtverkehr eigentlich nachrangigen Kreuzung der beiden Straßen gerechtfertigt.

Abschußrampe Wolbecker Straße

Wolbecker Straße Ecke Andreas-Hofer-Straße: Dort, wo der schwarze PKW abbiegt, starb im Februar ein 27jährige Radfahrerin unter einem LKW

Im Januar 2014 wurde mir die Taktiererei, Starrköpfigkeit und gefährliche Pflichtvergessenheit der Straßenverkehrsbehörde Münster letztlich zu bunt. Da man auf freundliches Bitten und den Hinweis auf eine eindeutige Rechtslage  anscheinend nicht zu reagieren gedachte, stellte ich mit Unterstützung des ADFC Münster einen förmlichen Antrag auf Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht an der Wolbecker Straße zwischen Eisenbahnstraße und Ring. Es handelt sich bei dem Teilstückt um Deutschlands wahrscheinlich unfallträchtigsten Radweg, an dem alle zwei Wochen ein so schwerer Unfall geschieht, dass die Polizei hinzugerufen wird. Nachdem sich die Behörde mit der Bescheidung zur Wolbecker Straße über ein halbes Jahr Zeit gelassen hatte, erhob ich Untätigkeitsklage vor dem Verwaltungsgericht Münster. Eine weitere Verzögerung der Sachentscheidung erreichte die Behörde dann, indem sie auf die anstehenden Erneuerungsarbeiten am Hauptbahnhof verwies. In diesem Zusammenhang tat sie etwas, was seit fast zwanzig Jahren überfällig war und verlegte die Radverkehrsführung direkt unterhalb der Eisenbahnunterführung der Wolbecker Straße direkt auf die Fahrbahn. Ansonsten aber blieb man untätig und lehnte meinen Antrag letztlich ab und machte damit endlich den Weg für das weitere Verfahren vor dem Verwaltungsgericht frei. Der erste Erörterungstermin ist für den 23. Juli 2015 um 11 Uhr angesetzt.

Im weiteren Verlauf des Radwegs an der Wolbecker Straße sind seit Antragstellung im Jahr 2014 zwei Menschen bei Rechtsabbiegeunfällen von LKW überrollt und getötet worden.

  1. [1] Verkehrssichere Anlage und Gestaltung von Radwegen – Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Verkehrstechnik Heft V9, S. 74.
  2. [2] Verkehrssichere Anlage und Gestaltung von Radwegen – Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Verkehrstechnik Heft V9, S. 80.

13 Kommentare zu “Wolbecker Straße – Münsters gefährlichster Radweg

  1. Alltgsradler

    Die Sturheit von Behörden sollte eigentlich dann ein Ende haben, wenn sie Menschenleben kostet.

    Viel Erfolg!

  2. Olaf

    Jungs macht langsam, ich habe selbst so einen Rerichtstermin durch und bis heute 3 Wochen später noch keine schriftliche Urteilsbegründung vorliegen. Also abwarten.
    Und oben stand „Erörterungstermin“ – da gibts selten Ergebnisse.

    1. joma

      na, so ne kurze Rückmeldung wie’s war, ginge doch schon. Aber Rasmus ist anscheinend verschwunden (am Ende macht er einfach so Urlaub…)
      Will aber nicht drängeln, sondern nur zeigen, dass es eine interessierte und solidarische Öffentlichkeit gibt 😉

      1. Rasmus Richter Autor des Beitrags

        Moin, ich mache tatsächlich Urlaub… Das Ergebnis war. Hm, naja. Neuer Artikel folgtin den nächsten Tagen.

  3. Christoph S

    „…Und selbstverständlich finden die Kfz-Lenkenden Unterstützung von Populisten und kleingeistigen Bezirkspolitikern, die Verkehrskollaps und Staublunge verteidigen, als wären es Menschenrechte.“

    Ein Schönes Zitat aus dem lesenswerten Artikel „Über das Radfahren“ erschienen im österreichischen DATUM-Magazin.
    http://www.datum.at/artikel/ueber-das-radfahren/

  4. Pingback: Totschlägertrupp reloaded: Verfahren wegen Beleidigung endgültig vom Tisch | Radhelmfakten

  5. olaf

    Der Weg über die Klage bis zum Urteil ist lang. Ich habe nach der Verhandlung genau 5 Monate auf die schriftliche Begründung gewartet.

    Allein die komplette erste Instanz hat über drei Jahre gedauert. Das ist ein wahrlich rechtlicher Freiraum für Verkehrsbehörden.

  6. Pingback: Standpunkt: Reclaim the Streets ≠ Vehicular Cycling | Radhelmfakten

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