Doppelte Unfallgefahr: Helmträger in Münster öfter im Krankenhaus

Eine aktuelle Studie der Unfallforschung der Versicherer fördert ein brisantes Detail zu Tage: Die Studie beschäftigte sich zwar hauptsächlich mit der Sicherheit bestimmter Radverkehrsführungen, jedoch wurden während der entsprechenden Verkehrszählungen in mehreren deutschen Städten auch die Helmtrageqouten ermittelt. In Münster lag diese Quote bei lediglich neun Prozent. Pikant: 2013 trugen nach Kenntnis der Polizei etwa 16 Prozent der verunglückten Radfahrer einen Helm.

Rein rechnerisch tragen damit Helmträger ein beinahe doppelt so hohes Unfallrisiko. Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass alkoholisierte Fahrradfahrer in der Universitätsstadt Münster einen relativ hohen Anteil der Unfallopfer stellen, aber nur extrem selten einen Fahrradhelm tragen (vermutlich weniger als ein Prozent). Zudem ist zu beachten, dass bei Verkehrszählungen – wie von der UDV durchgeführt – Verzerrungen durch hohe Kilometerleistungen einzelner Risikogruppen aus statistischen Gründen kaum eine Rolle spielen. Radfahrer mit hohen Kilometerleistungen haben nämlich auch eine größere Chance, eine Zählstelle zu passieren.

Mögliche Gründe für dieses überraschende Ergebnis sind bisher rein spekulativ und bedürften einer genaueren Erforschung. Denkbar wäre es beispielsweise, dass besonders unsichere Radfahrer mit häufigen Konfliktsituationen sich eher einen Helm zulegen. Helmwerbung könnte sich in diesem Szenario als kontraproduktiv herausstellen, weil die entsprechenden Radfahrer auf den Helm setzen, anstatt sich kritisch mit der eigenen Fahrweise auseinanderzusetzen.

Aber auch ein noch beunruhigenderes Szenario ist bei einer derart klaren Diskrepanz vorstellbar: Der Helm selbst könnte durch einen bisher nicht beachteten Mechanismus Unfälle fördern. Möglich wäre, dass der Helm den Kopfumfang so unglücklich vergrößert, dass Helmträger bei Unfällen häufiger mit dem Kopf anprallen – und der eigentlich als Schutz gedachte Helm das Verletzungsrisiko sogar noch steigert.

Polizei und Verwaltung sollten bei diesen Zahlen die aufwendige Bewerbung von Helmen dringend auf den Prüfstand stellen.

12 Kommentare zu “Doppelte Unfallgefahr: Helmträger in Münster öfter im Krankenhaus

  1. Patter

    Kopfumfangsvergrößerung führt nicht nur dazu dass man eher anprallt, wo man ohne vielleicht gerade noch vorbeigeschliddert wäre, sondern vergrößert auch erheblich den Hebel der dann auf die Halswirbelsäule wirkt. Zudem stellt der Helm auch eine Massevergrößerung dar. Das sind Effekte die ganz sicher bestehen. Sie sind vielleicht nicht riesengroß aber im Vergleich zu der bestenfalls kleinen Schutzwirkung für den Kopf selbst (die aber gerne hoffnungslos überschätzt wird) ergibt sich am Ende wohl bestenfalls ein Nullsummenspiel. Man suche z.B. mal nach Rune Elvik. Aber das erklärt die im Artikel genannte Anomalie nicht, in der es ja nicht um Schutzwirkung für den Kopf geht, sondern um Unfallhäufigkeiten.

    Wer sich aber mal umschaut, stellt schnell fest, dass Helm- + Schutzwestenträger eine besondere Neigung zum Fahren auf Radwegen in falscher Richtung oder gar Gehwegen haben. Und das ist nun bekanntermaßen (sollte es jedenfalls sein) mit Abstand das Gefährlichste was man als Radfahrer tun kann. Insofern sind die genannten Zahlen für mich durchaus plausibel.

  2. Martin W.

    Ist nicht nur bei denen so. Die Augsburger Polizei versucht auch jedes Jahr damit zu Beeindrucken, dass »nur« 25% der Verunfallten einen Helm auf hatten. Blöd nur, dass die Tragequote im Schnitt irgendwo bei 13-15% liegt. Und genau damit wollen sie einem die Wichtigkeit von Helmen näher bringen. Da fasst man sich nur noch an den Kopf, aber aufsetzen würde ich deswegen sicher nichts.

  3. Arne

    Vielleicht kommen aber auch nur deshalb mehr Helmträger ins Krankenhaus, weil sie nicht schon am Unfallort sterben? Oder es tragen zwar nur 15% der Radfahrer einen Helm, fahren aber 50% der Radkilometer und verunfallen dadurch mit höherer Wahrscheinlichkeit. Statistiken, vor allem auf wenige markante Zahlen reduziert, können leicht einen falschen Eindruck vermitteln.

    1. Rasmus Richter Autor des Beitrags

      In der polizeilichen Unfallstatistik, aus der die 16 Prozent Helmträger kommen, sind auch die tödlichen Verkehrsunfälle mit erfasst. Es ist tatsächlich ein Unterschied, ob man die Helmtragequote aus einer Verkehrszählung oder einer Umfrage ermittelt. Die Umfragen, die ich bisher kenne, deuten aber eher darauf hin, dass Helmträger im Durchschnitt (!) weniger Kilometer machen. Dazu werde ich hier aber bei Zeiten noch einen ausführlicheren Artikel einstellen.

  4. Thomas Bliesener

    Das deckt sich mit den Daten von 2013 aus Stuttgart, die die dortige Polizei veröffentlicht hat: http://www.polizei-bw.de/Dienststellen/PPStuttgart/ueber%20uns/StatistikenundBerichte/Ordner/2013/VuStatistik2013.pdf (Seite 24).

    Demnach waren an Radunfällen zu 65 % Helmträger beteiligt. Natürlich hat man es wegen der Propaganda etwas anders formluiert: 35 % der unfallbeteiligten Radfahrer trugen keinen Helm.

    Auch unter den in BW getöteten Radfahrern sind die Helmträger stark überproportional vertreten. Helmtragequote allgemein 13 %, unter den Verkehrstoten 30 %.
    http://web.archive.org/web/20140330185409/http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/110985/2670272/

    1. Rasmus Richter Autor des Beitrags

      Danke für die Links – nach den Zahlen habe ich mich schon mal fast totgesucht… 🙂

  5. Till Leckebusch

    Ich weiß nicht, wie Sie auf diese krasse Fehlinterpretation gekommen sind. In der Studie auf Seite 18 ist der Punkt 2.2.4. ich zitiere:
    2.2.4. Tragen eines Helms
    Für Deutschland lag eine medizinische und unfalltechnische Untersuchung über die Unfallverläufe
    und die Verletzungsarten von etwa 3.250 verunglückten Radfahrern ohne Schutzhelm und etwa 270
    Radfahrern mit Schutzhelm vor (Unfalljahre 1999-2007, Unfallorte in den Großräumen Dresden und
    Hannover). Unter den verunglückten Radfahrern waren etwa 500 Bis-15-Jährige und fast 3.000 Über-
    15-Jährige. Hiernach erfuhren Radhelmbenutzer gegenüber Nichthelmträgern statistisch signifikant
    -seltener Kopfverletzungen (mit Helm 72 % unverletzt, ohne Helm 61 %),
    -um 33 % seltener schwere Kopfverletzungen,
    -um 15 % weniger isolierte Weichteilverletzungen und
    -um 23 % seltener Schädelfrakturen.
    Tendenziell erlitten Helmträger auch seltener schwere Hirn- sowie Gesichtsverletzungen. (Otte,
    2008)3
    Wer lesen kann ist klar im Vorteil.

    1. Rasmus Richter Autor des Beitrags

      Moin,

      Danke, für die Rückmeldung.

      Die Otte-Studie aus 2008 ist tatsächlich bei Helmskeptikern inzwischen berühmt-berüchtigt und eigentlich mal einen eigenen ausführlichen Blog-Artikel wert. Das Ding auseinanderzunehmen habe ich bereits länger vor – aber dazu bin ich leider noch nicht gekommen.

      Die Studie strotzt nur so vor handwerklichen Fehlern. Zunächst ist völlig unklar, wie die Datenbasis zustande gekommen ist. Es erscheint möglich, dass da eine gewisse Vorauswahl der Daten stattgefunden hat. Bereits, dass hier zwei Städte zusammengezogen wurden und kein Dunkelfeldabgleich der Helmtragequoten durchgeführt wurde, ist ein disqualifizierender Fehler und macht die Studie eigentlich unbrauchbar.

      Dazu kommen dann krude Ergebnisse – müsste aber noch mal reinsehen, um genau den Abschnitt zu finden. Es kann auch sein, dass das mal durch Helmkritiker ausgerechnet wurde und nicht explizit in der Studie steht: Es läßt sich aus dieser Studie auch ein Zusammenhang zwischen „Helm getragen“ und Verletzungsstärke an den Extremitäten herleiten. Wer also einen Helm getragen hatte, hatte gleichzeitig ein niedrigeres Risiko, etwa einen Arm- oder Beinbruch zu erleiden. Solche offensichtlich widersinnigen Ergebnisse deuten in der Forschung eher auf unberücksichtigte Störfaktoren hin. In diesem Fall könnte es sein, dass sich die Helmträger einfach gewissen anderen Risiken des Straßenverkehrs nicht so stark aussetzen, wie unbehelmte Radfahrer und Radfahrerinnen. Denkbar wären hier Alkoholkonsum oder aber auch die Meidung stark befahrener Straßenabschnitte.

      Andere Zahlen legen nahe, dass Helmträger eher Freitzeitfahrer (Sport und Erholung) sind, während Alltagsfahrer eher auf den Helm verzichten.

      Oder anders ausgedrückt: Der Betreiber dieses Blogs ist nicht nur fähig zu lesen, sondern die Schlüsse einer Studie auch kritisch zu hinterfragen… Damit wohl doppelt im Vorteil. 😉

  6. Pingback: Münster: Unfallursache Fahrradweg | Leezerize

  7. Pingback: Fahrradhelme: Gibt es einen Routing-Störfaktor? | Leezerize

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen